Der Bitcoin-Kurs (BTC) liegt nahe bei 70.700 USD und hat sich in den letzten 24 Stunden kaum verändert, hält aber dennoch einen Monatsgewinn von rund 10%. Im 8-Stunden-Chart ist seit Anfang Februar ein aufsteigender Kanal zu sehen, der mehrfach nach oben durchbrochen werden sollte, was jedoch nicht gelang. Eine mögliche Entspannung der geopolitischen Lage hat den Kurs stabilisiert, doch im Hintergrund wirken aktuell zwei gegensätzliche Kräfte.
Auf der einen Seite bewegen sowohl Retail-Halter als auch Wale Bitcoin auf Börsen, was diesem Muster zufolge meist dem Verkauf vorausgeht. Auf der anderen Seite zeigt sich der Derivatemarkt inzwischen bullisch. Gehen Spothandel und Derivate-Positionierung so weit auseinander, folgt meist eine starke Marktbewegung. Die Frage ist, welche Seite zuerst nachgibt. Sollten die Verkäufer am Spotmarkt recht behalten, könnte die Rallye von 10% im März direkt in eine Liquiditätsfalle geraten, die durch zu viel gehebelte Zuversicht entstanden ist.
Privatanleger und Großinvestoren wechseln gemeinsam zu den Börsen
Die On-Chain-Daten zeigen einen abgestimmten Wechsel verschiedener Haltergruppen zu den Börsen. Nach Angaben von CryptoQuant haben die Adressen mit 0,1 bis 1 BTC, stellvertretend für Retail-Teilnehmer, ihre Zuflüsse zu Börsen innerhalb von drei Tagen fast verdoppelt: von etwa 394 BTC auf 682 BTC. Es handelt sich also nicht nur um ein isoliertes Retail-Ereignis.
Die größten Bitcoin-Wale folgten. Die Gruppe mit 1.000 bis 10.000 BTC bewegte am 23. März 444 BTC zu Börsen. Bis zum 24. März stieg dieser Wert auf 2.788 BTC, was einem Anstieg von etwa 528% an nur einem Tag entspricht. Auch Halter mit mehr als 10.000 BTC schlossen sich am selben Tag an und transferierten 3.000 BTC zu Börsen.
Wenn sowohl Retail- als auch Walgruppen gleichzeitig die Zuflüsse zu Börsen erhöhen, nachdem es zwischen dem 20. und 22. März eher ruhig war, deutet das darauf hin, dass der Verkaufsdruck über das gesamte Halterspektrum wächst und nicht nur in einer Gruppe.
Das Muster ist deshalb bemerkenswert, weil es synchron abläuft. Retail und Wale entscheiden sich selten gleichzeitig für dieselbe Richtung. Wenn dies jedoch geschieht, führt der gemeinsame Zufluss meist zu deutlich mehr Verkaufsdruck, insbesondere wenn der Kurs ein wichtiges technisches Niveau nicht halten kann.
Derivate bleiben bullisch: Genau darin liegt das Risiko
Während Spot-Halter zu Börsen wechseln, entwickelt sich der Derivatemarkt in die entgegengesetzte Richtung. Die Gesamt-Funding-Rate für Bitcoin wechselte von -0,0028 am 23. März auf +0,006, also deutlich ins Positive. Eine positive Funding-Rate bedeutet, dass Long-Positionen Short-Positionen bezahlen, um deren Investitionen aufrechtzuerhalten, was zeigt, dass der Markt insgesamt bullisch eingestellt ist.
Gleichzeitig bleibt das Open Interest relativ stabil und sinkt nur leicht von 22,67 Milliarden USD auf 22,55 Milliarden USD. Dennoch zeigt der Anstieg der Funding-Rate selbst an einem eher ruhigen Tag eine vorhandene bullische Erwartung der Marktteilnehmer.
Die Abweichung zwischen Spot- und Derivate-Markt ist das eigentliche Risiko. Spot-Halter bereiten einen Verkauf vor, während Derivate-Trader auf einen Anstieg setzen. Falls die Verkäufe am Spotmarkt die bullische Zuversicht bei den Derivaten übersteigen und der Kurs unter eine wichtige Unterstützung fällt, drohen Zwangsliquidationen gehebelter Long-Positionen.
Ein solcher Dominoeffekt aus Liquidationen beschleunigt die Abwärtsbewegung weiter und die bullischen Longs würden dann selbst zur Triebfeder für eine Korrektur. Genau dieses Risiko eines „Long-Liquidation-Cascades” bildet sich gerade unterschwellig aus. Einziger Lichtblick ist, dass das Open Interest beziehungsweise die Hebelwirkung bisher noch nicht extrem gestiegen ist.
Diese Bitcoin-Kursmarken könnten den Richtungsstreit beenden
Der 8-Stunden-Chart verdeutlicht die aktuelle Entscheidungszone. Bitcoin bewegt sich seit Ende Februar weiter in einem steigenden Kanal. Der Kurs testet aktuell den 100er Exponential Moving Average (EMA), ein Indikator, der jüngere Kursbewegungen stärker gewichtet, bei 70.700 USD. Zuletzt konnte Bitcoin diesen EMA Mitte März klar zurückgewinnen, woraufhin ein Anstieg von rund 8% folgte.
Ein ähnlicher Anstieg über 70.900 USD würde kurzfristige Stärke signalisieren und einen weiteren Schub in Richtung 72.800 USD und schließlich 76.000 USD, also näher an die obere Kanalbegrenzung, möglich machen. All dies könnte eintreten, falls die Waffenstillstandsgespräche zwischen Iran und den USA Fortschritte machen.
Falls es keine Rückeroberung des EMA gibt, werden die unteren Kursstufen besonders wichtig. Die 0,5-Fibonacci-Marke bei 69.300 USD ist die erste Unterstützung. Darunter bildet 67.700 USD (0,618 Fib) eine starke, bodenähnliche Zone. Ein Tagesschlusskurs unter 67.700 USD würde zeigen, dass der Verkaufsdruck am Kassamarkt dominiert, und könnte den Weg in Richtung 65.400 USD oder sogar 62.600 USD öffnen.
Zurzeit trennt ein 8-Stunden-Schlusskurs über 70.900 USD einen möglichen Sprung im Kanal von einem längeren Kursrutsch, auf den die Mittelzuflüsse auf den Börsen aktuell hinweisen.