Zwei Gruppen großer On-Chain-Adressen haben in zwei Tagen ungefähr 40 Millionen USD in tokenisiertem Gold verkauft, während das Edelmetall über 5.000 USD pro Unze gehandelt wurde. Dies wirft Fragen auf, ob große Inhaber kurzfristig eine Preisgrenze sehen.
Die Verkäufe wurden von der On-Chain-Analyseplattform Lookonchain nachverfolgt. Sie beobachtete die Bewegungen in mehreren Wallet-Adressen, die Tether Gold (XAUT) und PAX Gold (PAXG) enthielten. Beide Token sind an physisches Gold gekoppelt.
Gold-Whale steigt aus: Millionen-Gewinne realisiert
Zwei Wallets mit den Adressen 0x8C08 und 0xdfcA – vermutlich vom gleichen Inhaber – verkauften 5.250 XAUT für 5.125 USD je Token und 560 PAXG für 5.173 USD. Zusammen machten diese Verkäufe etwa 29,8 Millionen USD aus und brachten einen geschätzten Gewinn von rund 5,32 Millionen USD.
Wenige Stunden später verkaufte ein weiteres Wallet mit der Adresse 0x8844 insgesamt 1.934 XAUT für 5.037 USD. Damit stieg der Gesamtwert aller Verkäufe der beiden Parteien auf rund 40 Millionen USD. Dieser zweite Verkauf erzielte einen Gewinn von etwa 1,74 Millionen USD.
Diese Verkäufe fanden statt, als der Goldpreis ein Niveau erreichte, das von den meisten Analysten vor wenigen Monaten noch nicht erwartet wurde.
Es entsteht die Frage, ob diese Gewinnmitnahmen on-chain eine allgemeine Stimmung unter großen Inhabern anzeigen.
Makro-Divergenz spaltet die Prognosen
Nicht alle sehen diese Verkäufe als bärisches Signal. Der Kontext, der Gold weiter nach oben treibt, umfasst geopolitische Spannungen, Störungen der Energieversorgung und verstärkte Goldkäufe durch Notenbanken. Analysten betonen, diese Faktoren seien strukturell und nicht rein spekulativ.
Ole Hansen, Rohstoffstratege bei der Saxo Bank, beschreibt den Konflikt zwischen kurzfristigen Belastungen und langfristigen Nachfragefaktoren:
„Gold fiel zunächst, als die Ölpreise stiegen, weil höhere Energiekosten die Inflation anheizen und die Erwartungen auf Zinssenkungen verzögern oder sogar verhindern könnten. Diese Einschätzung kann aber falsch sein, denn die aktuellen Preisbewegungen gehen auf ein Angebotsproblem zurück und nicht auf eine stärkere Nachfrage. Das erhöht das Risiko von Stagflation, wodurch Zentralbanken irgendwann den Markt stützen müssten. Kurzfristig können Entschuldung und ein stärkerer Dollar auf den Preis drücken, aber die Gründe, weshalb Anleger verstärkt zu Sachwerten greifen, bleiben weiter bestehen”, schrieb Ole Hansen.
Hansens Einschätzung legt nahe, dass ein Rückgang durch Dollar-Stärke oder durch Positionsabbau nur vorübergehend sein könnte und keinen Trendwechsel bedeutet.
Struktureller Kaufdruck bleibt bestehen
Der Makro-Analyst Shanaka Anslem sieht das Preisniveau über 5.000 USD als Folge einer umfassenderen Neubewertung. Er glaubt, der starke Anstieg bei Gold habe weniger mit einem Flucht-in-die-Sicherheit-Handel zu tun, sondern spiegele eine systemische Vertrauenskrise wider, die mehrere Sektoren wie Versicherungen, Diplomatie, Energie und Finanzen betreffe.
Anslem verweist unter anderem auf Ereignisse wie das Aussetzen von Kriegsrisiko-Versicherungen durch P&I Clubs, unterbrochene Transporte durch die Straße von Hormuz und auf ein Stagflations-Risiko, das vor der Fed-Sitzung im März besonders relevant wurde.
Er nennt das Kursziel von J.P. Morgan von 6.300 USD zum Jahresende und betont, dass Notenbanken im Jahr 2025 insgesamt 863 Tonnen Gold gekauft haben. Die chinesische Zentralbank (PBOC) habe seit 16 Monaten in Folge Gold gekauft.
„Gold bei 5.100 USD ist kein Flucht-in-die-Sicherheit-Handel. Vielmehr beginnt der Markt eine Welt zu bewerten, in der alle institutionellen Zusagen, die die globale Wirtschaft stützen, gleichzeitig versagen … Gold ist der einzige Vermögenswert im weltweiten Finanzsystem, der kein Gegenparteirisiko birgt”, schrieb Shanaka.
Goldkäufe durch Zentralbanken aus Polen, Indien, der Türkei und China zeigen, dass die strukturelle Nachfrage von Staaten und nicht private Spekulation den Goldmarkt derzeit bestimmt.
Gewinnmitnahmen oder nachhaltige Kursanpassung?
Die Verkäufe großer Inhaber zeigen ein bekanntes Spannungsfeld an den Rohstoffmärkten: Während einzelne Großinvestoren oft kurzfristige Gewinne mitnehmen möchten, bauen Institutionen mit anderem Zeithorizont langfristig Positionen auf.
Ob der Verkauf von tokenisiertem Gold im Wert von 40 Millionen USD nun einen lokalen Höchststand oder nur eine vorübergehende Positionsreduzierung bedeutet, hängt unter anderem davon ab,
- wie rasch sich die Störungen der Energieversorgung auflösen und
- ob der Dollar wieder schwächer wird.
Da die US-Notenbank aktuell mit anziehender, ölgetriebener Inflation und wachsenden Konjunkturrisiken konfrontiert ist, gibt es bislang nur wenige Anzeichen dafür, dass sich das makroökonomische Umfeld, das Gold über die Schwelle von 5.000 USD getrieben hat, kurzfristig ändert.