In den letzten Jahren haben wir gesehen, wie die Krypto- und Blockchain-Branche sich durch die Einführung von Institutionen stark verändert hat. Die Frage ist nicht mehr, ob Blockchain-Technologie funktioniert. Stattdessen fragen sich viele, ob die Infrastruktur darunter stark genug ist, um bei starken Marktschwankungen, gestückelter Liquidität oder Systemausfällen dem Druck der Institutionen standzuhalten.
Im Jahr 2025 hat BlackRocks IBIT-ETF mehr als 40 Milliarden USD an kumulierten Nettomittelzuflüssen überschritten. Tokenisierte US-Staatsanleihen lagen im März erstmals über der 5-Mrd.-USD-Marke und erreichten im Oktober sogar über 8 Milliarden USD. Zudem ermöglichte JPMorgan im Dezember eine wegweisende Emission von 50 Millionen USD an Commercial Papers auf Solana. Gleichzeitig starteten Goldman Sachs und BNY Mellon gemeinsam tokenisierte Geldmarktfonds.
Die Technologie zeigt bereits klar, wohin die Reise geht. Was jetzt noch fehlt, ist die schwierigere Aufgabe: sichere Verwahrung, Abstimmung mit Regulierungsbehörden, Integration mit bestehenden Systemen und das Vertrauen von Institutionen, das nur durch Beständigkeit entsteht.
Auf dem Liquidity Summit 2026 in Hongkong diskutierte ein Panel mit dem Titel „Die institutionelle Infrastruktur für die digitale Asset-Ökonomie schaffen“ direkt mit Experten, die an diesen Lösungen arbeiten.
Die Diskussion wurde von Alevtina Labyuk (Chief Strategic Partnerships Officer bei BeInCrypto) geleitet. Auf dem Panel waren Chris Shin (Director of Global Strategic Partnerships bei Kyobo Life Insurance), Jay Kim (Senior Manager Digital Asset Business bei Mirae Asset Securities), Zeng Xin (Senior Web3 Solution Architect bei AWS), Sherry Zhu (Global Head of Digital Assets bei Futu Holdings) und Ramzy Ali (Head of DeFi bei der Solana Foundation).
Du kannst dir die komplette Diskussion hier ansehen:
Das Krypto-Integrationsproblem, das alle betrifft
Jay Kim von Mirae Asset Securities sprach offen über die größten Probleme. Drei Herausforderungen stehen im Mittelpunkt. Zuerst die Hoheit über Kundendaten. In Korea und Hongkong dürfen Kundendaten aus gesetzlichen Gründen nicht einfach auf öffentliche Blockchains. Kim erklärte, dass Mirae hier auf ein hybrides Modell setzt.
Er erklärte es so:
„Wir schützen und halten die sehr sensiblen Kundendaten sowie alle Transaktionsdaten außerhalb der Chain, während wir die Blockchain als Abbild des Vermögenswerts und für den Werttransfer nutzen.”
Die Verwahrung ist noch anspruchsvoller. Im traditionellen Finanzwesen gibt es zentrale Verwahrstellen und Depotbanken. Bei digitalen Assets müssen Private Keys verwaltet werden. Das erfordert neue interne Richtlinien und ein glaubwürdiges Sicherheitskonzept für Regulatoren.
Eine weitere Herausforderung sind Handelsplätze. Es gibt Hunderte Plattformen – einige wickeln in Stablecoins ab, andere in Fiat, und es gibt Plattformen wie Hyperliquid, die komplett auf der Chain laufen. Um diese Liquidität zu bündeln, muss jede Plattform technisch verstanden werden.
„Das Gleichgewicht zu finden, ist sehr schwierig”, sagte Kim und ergänzte:
„Man muss damit umgehen können. Aber es ist notwendig, um Innovationen voranzutreiben.”
Chris Shin von Kyobo Life Insurance brachte eine weitere Sicht ein. Sein Unternehmen setzt auf ein hybrides Modell: Zuerst wird außerhalb des bestehenden Systems getestet und das Konzept bewiesen. Dann nutzt man diesen Beleg, um interne Entscheider und Regulatoren zu überzeugen.
„Wenn wir extern ein erfolgreiches Modell haben, können wir die internen Beteiligten leichter überzeugen”, sagte er.
So verschaffen sich traditionelle Broker einen Vorteil
Für Futu Holdings, einen der größten Brokerage-Anbieter Asiens mit 28 Millionen Nutzern weltweit, geht es beim Einstieg in Krypto nicht darum, aufzuholen. Es geht darum, die Stärken der etablierten Unternehmen einzusetzen.
Laut Sherry Zhu sind Vertrauen und Bequemlichkeit entscheidend. Regulatorische Lizenzen, bestehende Marken, stabile Bankkontakte – das alles können neue Krypto-Börsen kaum bieten. Besonders stark ist der Vorteil direkter Fiat-Abwicklung für den Krypto-Handel. Das ist wichtiger, als es zunächst scheint.
Sie erklärte:
„Weltweit haben wir Krypto-Spottrading in Hongkong, Singapur und den USA gestartet. Im vergangenen Jahr haben wir in Hongkong die Funktionen für Krypto-Einzahlungen und -Abhebungen eingeführt. Wer Krypto auf unsere Plattform einzahlt, kann es abheben und das Geld direkt für den Kauf von klassischen Wertpapieren nutzen.”
Die Herausforderungen dabei sind ebenfalls groß. Besonders das nötige Fachwissen fehlt oft. Die Verwaltung von Verwahrung, Schlüsseln und On-Chain-Risiken verlangt Wissen, das viele Finanzexperten erst noch aufbauen müssen. Die Vorteile wie Lizenzen, Compliance und Multi-Asset-Kompetenz sind für Kryptofirmen schwer zu kopieren.
Krypto-Infrastruktur: Verlässlichkeit statt Hype
Aus Sicht der Blockchain argumentierte Ramzy Ali von der Solana Foundation, dass Institutionen besonders auf Verlässlichkeit achten.
Solana verarbeitete im letzten Jahr 1,6 Billionen USD an Handelsvolumen und hält rund 14 Milliarden USD an Stablecoin-Liquidität auf einer einzigen Layer-1. Nach Ali zählen Verfügbarkeit und stabile Transaktionen mehr als theoretische Skalierbarkeit.
„Letztlich sind die Infrastruktur-Anforderungen immer gleich”, sagte er.
Neben der Performance brauchen Institutionen auch Werkzeuge, die mit den Regeln vereinbar sind. Solana hat deshalb einen Null-Wissen-Attestierungsdienst entwickelt. So kann eine App prüfen, ob eine Wallet berechtigt ist, ohne dabei private Daten zu offenbaren. Auch eine Ausführungsumgebung für private Transaktionen direkt in Layer-1 wurde entwickelt.
Diese Neuerungen sollen die Lücke zwischen klassischer Finanzwelt und dezentraler Infrastruktur schließen, ohne dass Institutionen auf regulatorische Sicherheit verzichten müssen.
Unterdessen sieht Zeng Xin von AWS die Belastbarkeit vor allem als geschäftliches Risiko.
„An normalen Tagen werden Institutionen selten beurteilt. Die Bewertung findet an Tagen mit starken Schwankungen statt”, sagte er.
Xin bezeichnete die Flexibilität in der Cloud als „Umsatzversicherung“. Für Plattformen mit digitalen Assets gehören starke Anstiege beim Traffic, plötzliche Liquidationen und hohe Volatilität zum Alltag. Die Infrastruktur muss das aufnehmen, ohne dass die Dienste ausfallen.
Diese Signale werden beobachtet
Reife zeigt sich in jedem Markt oft leise. Nicht durch große Pressemitteilungen, sondern dadurch, dass die Beteiligten nicht mehr fragen, ob etwas funktioniert – sondern es einfach als gegeben ansehen.
Beim Panel gab es unterschiedliche Meinungen darüber, wann dieser Moment für digitale Assets gekommen ist. Dennoch hatten alle Antworten einen gemeinsamen Kern.
Für Kim ist hier der Vergleich mit Aktien wichtig. Nicht tokenisierte Fonds oder Derivate, sondern echte, börsennotierte Aktien, bei denen die Aktionärsrechte auf der Chain hinterlegt sind und die auf öffentlichen Chains gehandelt werden. Er sagte:
„Sobald man die tatsächlichen Aktionärsrechte auf der Chain tokenisiert, werden auch alle darauf aufbauenden Dinge auf die Chain wechseln.“
Die Bedeutung dahinter ist groß. Gelistete Aktien sind die Grundlage für viele traditionelle Finanzprodukte. Wenn diese auf die Chain wechseln, folgt alles, was darauf aufgebaut ist – nicht als Option, sondern als Folge.
Ali nannte das Ganze ein Problem der Preiserkennung. Im Moment wird der Bitcoin-Kurs vor allem auf zentralisierten Derivate-Plattformen festgelegt. US-Aktien bekommen ihren Kurs am Nasdaq. Die Frage von Ali war einfach: Wann wird der Kurs eines weltweit wichtigen Vermögenswerts zuerst auf der Chain festgestellt?
Das würde bedeuten, dass die Liquidität auf der Chain überwiegt, nicht nur parallel läuft. Große Unternehmen würden Krypto nicht mehr wie einen eigenen Markt behandeln, sondern die Chain als den eigentlichen Markt sehen.
Zhus Beitrag war mehr auf die Regulierung bezogen. Sie zeigte auf das mögliche Szenario, wenn Hongkong oder eine andere wichtige Region offiziell erlaubt, Krypto als Sicherheit für Margin-Zwecke und gleichberechtigt mit traditionellen Wertpapieren einzusetzen. So eine politische Änderung würde die Buchhaltung, das Risikomanagement und am Ende auch das Interesse von Institutionen mehr verändern als jede bloße Infrastruktur.
Shin blickte wie immer auf den rechtlichen Rahmen in Korea. Dort ist der Markt für private Anleger schon lebendig. Was fehlt, ist die Ebene für große Unternehmen. Diese kann aber erst entstehen, wenn die Regeln so klar sind, dass ein Unternehmen wie Kyobo bereit ist, Geld und eigene Kapazitäten einzusetzen, ohne befürchten zu müssen, dass das Regelwerk sich plötzlich ändert.
Wenn es eine Einigkeit gab, dann ist es diese: Der Wendepunkt wird nicht wie eine bahnbrechende Neuerung aussehen, sondern wie Alltag.
Übergangsphase 2026: So schätzen Experten das Jahr ein
Zum Ende drehte sich das Gespräch von der Technik hin zur Überzeugung. Wenn die Infrastruktur noch aufgebaut wird, wie könnte sie am Jahresende aussehen?
Chris Shin wartet nicht auf rechtliche Sicherheit im eigenen Land. Stattdessen schlug er vor, dass Kyobo dorthin geht, wo es schon klare Regeln gibt.
„Anstatt also auf die örtlichen Behörden zu setzen, wollen wir außerhalb von Korea expandieren“, sagte er und beschrieb die Pläne, eine Plattform für digitale Vermögenswerte in einem Land mit festen Regeln zu gründen. Für Shin geht es weniger ums Abwarten von Erlaubnissen, sondern mehr darum, das Unternehmen dort zu bringen, wo man Dinge ausprobieren kann.
Jay Kims Blick war mehr auf die Struktur gerichtet. Mirae Asset arbeitet laut ihm daran, eine Plattform für private Kunden zu starten, auf der digitalisierte Produkte direkt auf der Chain ausgegeben werden – in Korea und weltweit über das eigene System. Doch er spricht offen über die Kompromisse. Er erklärte:
„Es könnte sein, dass viele dezentrale Funktionen … irgendwie mit dem alten System vereinbart werden müssen. Wir sind in einer Übergangsphase.“
Sherry Zhu sieht die Lösung vor allem in der Regulierung. In Hongkong erwartet sie, dass Regeln kommen, die etwa Cross-Margin-Modelle ermöglichen, sodass Krypto-Assets mehr wie normale Wertpapiere genutzt werden können – als Sicherheit und stärker eingebunden in die Bilanzen der Broker.
Ramzy Ali sprach über das mutigste Ziel: den ersten direkten Börsengang, der komplett auf der Chain stattfindet. So eine „native“ Listung wäre für ihn eine grundlegende Veränderung – mehr als nur ein Symbol.
Zeng Xin wollte keinen genauen Marktausblick geben. Stattdessen sprach er wieder über die Infrastruktur: „Die Cloud-Infrastruktur wird unsichtbar, wenn sie erfolgreich ist“, sagt er. Das zeigt: Die größten Veränderungen sind vielleicht die, die Nutzer gar nicht bemerken.
Labyuk beendete die Diskussion mit dem Punkt, den die Runde immer wieder betonte. Die Einführung bei großen Unternehmen ist keine Zukunftsvision mehr. Sie passiert jetzt schon, Stück für Stück, in vielen Unternehmen und bei der schwierigen Verbindung mit bestehender Technik, Verwahrung und Vorschriften in verschiedenen Ländern. Die Infrastruktur ist noch nicht fertig, aber viele bauen schon daran.