Der Ölpreis ist am 2. April stark gestiegen. Brent-Öl-Futures erreichten wieder 106 USD, nachdem sie am selben Tag kurzzeitig unter 100 USD gefallen waren. Diese Bewegung erfolgte, als die Märkte die Iran-Ansprache von US-Präsident Trump bewerteten. Er nannte zwar einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen, in dem die US-Truppen „die Aufgabe beenden” würden, gab jedoch keinen konkreten Zeitplan für die Wiederöffnung der Straße von Hormus an.
Drei technische Signale deuten nun darauf hin, dass die aktuelle Rallye bald enden könnte. Dazu gehören ein Doppeltop bei rund 119 USD, eine bärische, sich entwickelnde Divergenz auf dem Tages-Chart sowie eine plötzliche Veränderung der Options-Positionierungen. All diese Faktoren legen einen Kurswechsel nahe. Entscheidend für eine mögliche Umkehr ist, ob die nächste Kerze die Divergenz bestätigt und ob sich die Situation um die Straße von Hormus in Richtung Lösung entwickelt. Dann wird sich zeigen, ob die Brent-Rallye weitergeht oder das Szenario für einen Ölpreis bei 55 USD eintritt.
Doppel-Top bei Brent-Öl: Kursziel 55-USD im Fokus
Im Tages-Chart ist zu erkennen, dass die Brent-Öl-Futures das 119-USD-Niveau zweimal getestet haben. Diese doppelte Ablehnung bestätigt 119 USD als strukturellen Höchstwert für den Ölpreis und bildet die Grundlage für einen möglichen Kursrückgang.
Die Nackenlinie dieses Doppeltops verläuft bei 81 USD. Zwischen den beiden Hochs hat der Ölpreis um 32,01 % korrigiert, was die Aussagekraft dieses Musters unterstreicht. Schließt der Kurs an einem Tag unter 81 USD, projiziert das Muster einen Rückgang um etwa 32 % auf 55 USD.
Das Doppeltop ist das erste Signal für eine mögliche Umkehr. Die Überlegungen dazu gelten jedoch auch für andere Öl-Märkte.
Options-Signale stehen im Widerspruch zur physischen Marktnachfrage
Die zweite Bedingung betrifft die Marktpositionierungen. Der BNO Brent Oil ETF, das wichtigste in den USA gelistete Wertpapier für Brent-Öl, zeigt eine deutliche Veränderung in den Absicherungsstrategien der Trader.
Am 30. März lag das Volumenverhältnis zwischen Put- und Call-Optionen, das bärisches und bullisches Engagement vergleicht, bei 0,19. Am 1. April stieg dieses Verhältnis auf 0,44, während das Open Interest Verhältnis unverändert bei 0,25 blieb.
Ein konstantes Open Interest bedeutet, dass kaum neue langfristige Positionen aufgebaut wurden. Der Anstieg des Put-Volumens zeigt, dass Trader kurzfristigen Schutz vor sinkenden Kursen suchen.
Die Futures-Kurve für Rohöl zeichnet ein anderes Bild. Die Differenz zwischen den nahegelegenen Brent-Kontrakten, ein Maß für die aktuelle Lieferknappheit (Backwardation), stieg am 2. April auf 8,43 USD. Ist die Backwardation so stark ausgeprägt, zahlen Käufer einen deutlichen Aufschlag für sofortige Lieferung, da das Angebot nicht ausreicht, um die aktuelle Nachfrage zu decken.
Der Konflikt zwischen diesen beiden Signalen prägt das aktuelle Ölpreisumfeld. Options-Trader sichern sich gegen fallende Preise ab, während der physische Markt signalisiert, dass Öl weiterhin knapp bleibt. Solange die Straße von Hormus geschlossen ist und das physische Angebot gestört bleibt, kann die Backwardation das bärische Signal bei den Optionen überlagern.
Das Put-Call-Verhältnis gewinnt erst dann an Aussagekraft für eine Umkehr, wenn sich die geopolitische Lage hin zur Entspannung entwickelt. Das ist die zweite Bedingung.
Öl-Kursmarken: Zwischen 119-USD-Test und Absturz auf 55 USD
Im Fokus steht nun, ob 107 USD als Sprungbrett hält oder als Widerstand versagt. Ein Tagesschluss über 107 USD lässt einen dritten Test der 119-USD-Obergrenze möglich erscheinen. Dafür müsste die Störung an der Straße von Hormus andauern und die Backwardation hoch bleiben.
Der Relative-Stärke-Index (RSI) als Momentum-Indikator spricht jedoch für eine abnehmende Dynamik. Zwischen dem 3. März und dem 2. April bildet der Ölpreis zwar ein höheres Hoch, der RSI jedoch ein tieferes Hoch. Diese bärische Divergenz zeigt, dass die Rallye an innerer Dynamik verliert, auch wenn der Kurs weiter steigt. Mit jedem neuen Hoch ist weniger Überzeugung spürbar als zuvor.
Damit die Divergenz als Umkehrsignal wirksam wird, muss die nächste Tageskerze unter der aktuellen schließen. Dann gilt die Bewegung als bestätigt, und beim Brent-Ölpreis drohen zunächst Verluste in Richtung 100 USD.
Gelingt es nicht, die 107 USD zu verteidigen, rückt die Marke von 100 USD in den Fokus. Sie stellt das 0,382-Level dar, das während dieser Rallye oft Unterstützung oder Widerstand war. Ein Bruch darunter eröffnet den Weg zu 88 USD, dem 0,618-Level. Jedes Niveau unterhalb von 107 USD bringt den Ölpreis näher an die Nackenlinie bei 81 USD, den strukturellen Auslöser für den vollständigen, um 32 % projizierten Rückgang auf 55 USD.
Das Ziel bei 55 USD bleibt nur theoretisch, solange 81 USD hält. Drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit dieses Ziel relevant wird. Die Bestätigung der Doppel-Top-Formation sowie der RSI-Divergenz sind nötig. Zudem muss sich die Positionierung bei den Optionen ändern, das bedeutet, es braucht eine dauerhafte bärische Zuversicht statt nur kurzfristiger Absicherung. Dies würde sich durch steigendes Open Interest und ein erhöhtes Put-Call-Verhältnis zeigen.
Auch muss sich die geopolitische Lage in Richtung einer Lösung bewegen. Erst wenn alle drei Bedingungen zusammenkommen, ist ein starker Preisrückgang wahrscheinlicher. Bis dahin dürfte sich der Ölpreis eher zwischen 100 USD und 119 USD bewegen als bis auf 55 USD fallen.