Brent-Öl-Futures handeln aktuell bei fast 103 USD, nachdem der Kurs im vergangenen Monat um mehr als 40% gestiegen ist. Grund dafür sind der Konflikt zwischen Iran und den USA, Störungen in der Straße von Hormus und Force-Majeure-Erklärungen aus dem Irak, die zusammen Millionen Barrel aus dem globalen Angebot genommen haben.
Allerdings hat die Dynamik der Rallye in der vergangenen Woche nachgelassen, Brent ist um etwa 2,84% gesunken. Ein genauer Blick auf den 4-Stunden-Chart zeigt ein Muster, das darauf hindeutet, dass der Markt bereits die Möglichkeit einpreist, dass dieser Konflikt nicht andauert. Es bleibt jedoch nur eine Möglichkeit, da eine einzige Nachricht innerhalb weniger Stunden alles ändern kann.
Kopf-Schulter-Muster entsteht, RSI verliert an Stärke
Der 4-Stunden-Chart der Brent-Öl-Futures an der ICE Europe zeigt, dass sich ein Kopf-Schulter-Muster bildet. Dies ist ein bärisches Muster auf dem kurzfristigen Zeitrahmen.
Zwischen dem 12. März und dem 27. März bildet der Ölpreis ein höheres Hoch, während der Relative Strength Index (RSI), ein Momentum-Oszillator, ein tieferes Hoch ausbildet. Diese bärische Divergenz deutet darauf hin, dass das Momentum nachlässt, obwohl der Preis weiterhin auf hohem Niveau bleibt.
Die Bestätigung dieser Divergenz steht noch aus. Schließt die nächste 4-Stunden-Kerze unter dem Hoch der aktuellen Kerze, wird ein Swing-High bestätigt und die RSI-Struktur gilt als validiert. Über 104,37 USD wäre die Divergenz zunächst nicht mehr gegeben.
In einem Markt, den geopolitische Risiken antreiben, könnte das nachlassende Momentum im 4-Stunden-Chart zeigen, dass Trader beginnen, sich gegen ein Szenario einer Entspannung abzusichern.
Iran hat am Mittwoch direkte Gespräche mit den USA abgelehnt, doch die Futures-Märkte nehmen mögliche Entwicklungen meist vorweg, bevor Nachrichten sie bestätigen.
Die Spanne zwischen Frontmonat- und Folgemonat-Brent-Kontrakten (BRN1! abzüglich BRN2!) ist kontinuierlich auf 5,73 USD gestiegen. Wenn Frontmonatkontrakte teurer sind als spätere Lieferungen, nennt man das Backwardation. Sie zeigt, dass aktuell ein dringender Bedarf an sofort verfügbaren physischen Fässern besteht.
Backwardation hat jedoch noch eine zweite Bedeutung: Wenn spätere Kontrakte günstiger sind als der Frontmonat, rechnet der Markt mit sinkenden Kursen in Zukunft (was das Muster bestätigt). Das deutet darauf hin, dass Trader erwarten, dass der aktuelle Angebotsengpass bald nachlassen könnte. Vielleicht ein Hinweis auf einen möglichen Waffenstillstand?
Der US-Dollar-Index (DXY) hat im Tageschart einen Ausbruch aus einer bullischen Flagge gezeigt und notiert derzeit bei etwa 100,16.
In der Regel belastet ein steigender Dollar den Ölpreis, da Rohöl in USD gehandelt wird. Diese umgekehrte Beziehung wurde zuletzt durch den Petrodollar-Effekt gestört, bei dem steigende Ölpreise dazu führen, dass importierende Länder mehr USD kaufen müssen.
Allerdings scheint diese positive Korrelation aktuell zu schwächer zu werden. In der vergangenen Woche fiel Brent um 2,84%, während der DXY um 0,34% stieg. Sollte sich die traditionelle umgekehrte Beziehung wieder durchsetzen, wäre ein starker Dollar ein Gegenwind für Brent.
BNO-Positionierung bullisch, Überzeugung lässt nach
Der BNO United States Brent Oil Fund, der Brent-Öl-Futures abbildet, zeigt, wie sich das Sentiment bei Optionen verändert hat. Vor einem Monat, als BNO bei 34,81 USD lag, betrug das Put-Call-Volumenverhältnis 0,06 und das Open-Interest-Verhältnis lag bei 0,14. Der Markt setzte damals fast nur auf steigende Kurse.
Am 26. März, mit BNO bei 50,55 USD, war das Volumenverhältnis auf 0,29 und das Open-Interest-Verhältnis auf 0,24 gestiegen. Beide Werte liegen weiter unter 1,0, Calls dominieren also weiter. Dennoch zeigt der Anstieg von 0,06 auf 0,29, dass Trader mehr Schutz gegen fallende Kurse suchen, da die Überzeugung nachlässt.
Das bedeutet, ein Ausbruch nach unten ist möglich, könnte aber nicht sofort erfolgen. Das 4-Stunden-Muster zeigt sich bärisch, der USD wirkt bärisch für Öl und das Put-Call-Verhältnis zeigt eine abnehmende Überzeugung. Allerdings hat sich die Positionierung bisher nicht verändert und die Backwardation weist weiterhin auf einen echten Angebotsdruck hin.
Ölpreise: Entwicklung und Bedeutung der Waffenruhe-Frage
Obwohl das 4-Stunden-Muster bärisch wirkt, sind die aktuellen Marktbedingungen äußerst volatil. Muster auf kürzeren Zeitebenen sollten in einem geopolitisch getriebenen Markt mit entsprechender Vorsicht bewertet werden.
Bestätigt sich das Kopf-Schulter-Muster, ergibt sich daraus eine prognostizierte Korrektur von 18%. Wichtige Unterstützungen auf der Unterseite liegen bei 98,27 USD, danach folgt 88,39 USD, was dem 0,618-Fibonacci-Level entspricht. Ein Bruch unter 88,39 USD würde den Bereich um die Nackenlinie öffnen, wobei die vollständige Bewegung bis auf 72,62 USD zeigt.
Auf der Oberseite würde ein Schlusskurs auf 4-Stunden-Basis über 104,37 USD das bärische Szenario für Brent-Öl abschwächen. Eine vollständige Ungültigmachung des Musters liegt bei 119 USD.
Aktuell stellen der Chart, der USD und der RSI gemeinsam die Frage: Preist der Öl-Kurs bereits eine Lösung ein, die in den Schlagzeilen noch nicht bestätigt ist?