Der Ölpreis fiel am Mittwoch, aber dieser Rückgang blieb nicht allein. Auch Gold, Silber und Kupfer wurden während derselben Session verkauft, was das einfache Narrativ einer Entspannung in der Straße von Hormuz in Frage stellt, das die Märkte zunächst annahmen.
Ein klarer Abbau geopolitischer Aufschläge sollte Gold und Silber entlasten und daher deren Kurse bei nachlassender Inflationserwartung steigen lassen. Beide Edelmetalle stiegen jedoch nicht. Das deutet darauf hin, dass ein anderer Faktor entscheidend ist.
Eine Session, vier Rohstoffe, eine Geschichte
Ein Makrostratege wies am Mittwoch auf die Kursbewegungen im Rohstoffsektor hin. Der WTI-Spotpreis sank um 2,04% auf 90,57 USD. Brent-Öl fiel um 1,51% auf 94,84 USD. Gold verlor 0,51% und lag bei 4.484 USD. Silber fiel um 2,54% auf 74,95 USD. Kupfer gab um 0,34% nach.
Die gleichzeitige Bewegung ist hier relevant. Einzelne Kursrückgänge bei einer Rohstoffart hängen normalerweise mit spezifischen Auslösern zusammen. Breite Kursverluste deuten dagegen meist auf einen makroökonomischen Einfluss hin, der alle Rohstoffe gleichzeitig betrifft. Für Mai 2026 kommen vor allem zwei Gründe infrage: steigende US-Staatsanleihenrenditen und ein fester US-Dollar, auf die wir später näher eingehen.
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Die gängige Interpretation zum Öl kam allerdings zuerst auf und sollte geprüft werden, bevor die makroökonomische Entwicklung genauer betrachtet werden kann.
Die Hormuz-Fehleinschätzung
Die erste Erklärung, die Trader nannten, war der schwindende geopolitische Aufschlag, der auf Spannungen in der Straße von Hormuz Anfang dieses Jahres zurückzuführen ist. Die Daten stützen dies teilweise. Der Spread zwischen WTI und Brent lag am 15. März, während der größten Risiko-Bewertung für den Nahen Osten, bei minus 14,45 USD. Diese Differenz reduzierte sich bis diese Woche auf minus 5,69 USD, was etwa einem 60%-Rückgang des Brent-Aufschlags entspricht.
WTI-Brent-Spread: Der Preisunterschied zwischen US-amerikanischem WTI-Rohöl und globalem Brent-Rohöl dient als Indikator dafür, wie stark geopolitische oder angebotsseitige Aufschläge in den Brentpreis im Vergleich zur US-Benchmark eingepreist werden.
Wenn der Spread sich ausweitet (Brent weit über WTI), preisen Märkte Angst im Nahen Osten und bezüglich der Schifffahrtsrouten ein. Sinkt der Spread, baut sich diese Angst wieder ab.
Würde ein klarer geopolitischer Abbau die einzige Ursache sein, wären die Folgen sichtbar: Sinkende Ölpreise senken die Inflationsrisiken und entlasten die Zentralbanken. Diese Entwicklung stützt Gold und Silber üblicherweise durch den Realzins-Kanal.
Das ist aber nicht zu beobachten. Gold fiel zusammen mit Öl. Silber verlor noch stärker. Auch Kupfer, das als konjunkturell besonders sensitives Metall gilt, gab nach. Ein reiner Hormuz-Aufschlagsabbau erklärt zwar den Brent-Spread, nicht aber die breiten Kursverluste bei allen Rohstoffen.
Ein zweiter Faktor beeinflusst den Marktkomplex, was am Anleihemarkt klar erkennbar ist.
Der eigentliche Treiber ist die 10-jährige US-Rendite
Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen liegt aktuell bei 4,47%, also fast auf dem Jahreshoch von 4,68%. In den letzten drei Monaten stieg sie um 12,90%. Das ist eine strukturelle Aufwärtsbewegung und kein einmaliger Sprung.
CME FedWatch zeigt das gleiche Bild. Mitte Mai rechneten die Märkte zu etwa 50% mit einer Zinserhöhung der US-Notenbank im Dezember. Dieser Erwartungswechsel folgt auf mehrere hohe Inflationsdaten im Frühjahr. Der aktuelle Leitzins liegt zwischen 3,50% und 3,75%. Laut Futures-Kurve wird der nächste Schritt als Anhebung und nicht als Senkung eingepreist.
Der US-Dollar-Index (DXY), ein Maßstab für den US-Dollar im Vergleich zu sechs wichtigen Währungen, steht bei 99,11. Der Index versucht, die Mittellinie eines aufsteigenden Kanals zu überschreiten, der seit Anfang Februar besteht. Kritische Unterstützung liegt bei 98,92 USD. Ein Unterschreiten würde die untere Trendlinie des Kanals freilegen.
Steigende Realzinsen und ein fester US-Dollar sind klassische Gegenwinde für Rohstoffe ohne laufende Rendite. Der Abbau des Hormuz-Aufschlags hat nun den letzten Faktor entfernt, der Rohstoffe von Zins- und Dollar-Entwicklung entkoppelt hat.
Positionierung und Dynamik bestätigen die Öl-Neubewertung
Der Brent-COT-Bericht für die Woche bis zum 19. Mai zeigt diese Veränderung deutlich. Nicht-kommerzielle Trader, dazu zählen institutionelle Investoren und große Spekulanten, reduzierten ihre Brent-Long-Positionen letzte Woche um 6.474 Kontrakte. Gleichzeitig erhöhten sie die Short-Positionen um 458 Kontrakte. Kommerzielle Teilnehmer, vor allem Produzenten und physische Hedger, schlugen die entgegengesetzte Richtung ein, fügten 4.719 Longs hinzu und reduzierten 2.531 Shorts.
Die Aufteilung zeigt zwei Seiten derselben Entwicklung. Spekulanten verlassen die Ölpreis-Rallye, was erfahrungsgemäß kurzfristig den Kurs beeinflusst. Kommerzielle Investoren erhöhen zu aktuellen Kursen ihre Positionen. Spekulanten sind für den Rückgang verantwortlich, jedoch sorgt das kommerzielle Kaufen oft später für eine Stabilisierung auf tieferen Ebenen. Der technische Chart stimmt zudem mit der Annahme eines Rückgangs überein.
Der Relative Strength Index (RSI) von Brent auf Tagesbasis ist ein Momentum-Indikator, der Gewinne mit Verlusten der letzten Zeit vergleicht, und bestätigt diesen Eindruck. Zwischen dem 11. Februar und 26. Mai erreichte Brent immer wieder neue Hochs, während der RSI niedrigere Hochs zeigte. Dieses bärische Divergenz-Muster deutet auf eine Abschwächung der Dynamik der Rallye hin.
Sowohl Positionierung als auch Momentum stimmen mit dem Makro-Signal überein. Jetzt bestimmt der Chart das Auslöse-Niveau.
Ölpreisspannen: Der 88,99-USD-Auslöser
Brent wird bei 94,62 USD gehandelt und liegt damit auf dem 0,618-Fibonacci-Niveau bei 94,61 USD. Diese Unterstützung könnte erklären, warum laut COT-Bericht die kommerziellen Marktteilnehmer bei diesen Kursen weiter kaufen.
Ein Tagesschluss unter 88,99 USD (0,786 Fibonacci) bestätigt einen Bruch in das dritte Quartal. Die nächste Unterstützung liegt dann bei 81,84 USD (1,0 Fibonacci). Ein noch stärkerer Rückgang bis auf 61,19 USD (1,618 Fibonacci) würde die gesamte geopolitische Rallye neutralisieren.
Für einen Anstieg muss zuerst die Marke von 98,55 USD (0,5 Fibonacci) zurückerobert werden, danach 102,50 USD (0,382 Fibonacci), um das bärische Chart-Szenario aufzuheben.
Drei Signale sind in den nächsten Tagen von Bedeutung. Der Abstand zwischen Brent und WTI sollte weiter sinken, damit die geopolitische Risikoprämie völlig abgebaut wird. Außerdem ist die Entwicklung der 10-jährigen Rendite zentral, da ein Rückgang der Zinsen den Druck verringern würde. Fällt der DXY unter 98,92, wäre das Dollar-Argument für die These hinfällig. Andere Rohstoffe könnten dann weiter steigen, auch wenn der Ölpreis stagniert.
Derzeit gilt: Hält sich der Ölpreis über 88,99 USD und bleiben die Renditen stabil, bewegt sich der Rohstoffsektor seitwärts. Sinkt Öl unter 88,99 USD, wird ein Niveau von 81,84 USD im dritten Quartal zur realistischen Basis.









