Hyun Song Shin arbeitete zwölf Jahre bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und prägte, wie Zentralbanken über digitales Geld denken. Am 22. März hat Südkoreas Präsident Lee Jae-myung ihn nominiert, die Führung der Bank of Korea zu übernehmen. Er löst den derzeitigen Gouverneur Lee Chang-yong ab, dessen Amtszeit im April endet.
Der Wirtschaftswissenschaftler, der das Konzept einer an Zentralbanken gekoppelten digitalen Währung entwickelt hat, muss dieses nun umsetzen – und zwar für eine Währung, die nicht der US-Dollar ist.
Argumente gegen Stablecoins
Shin studierte und lehrte in Oxford, bevor er Professuren an der London School of Economics und in Princeton übernahm. Im Jahr 2014 wurde er Wirtschaftsberater und Leiter der Abteilung für Geld- und Wirtschaftspolitik bei der BIS.
In einem Papier vom März 2026 mit dem Titel „Tokenomics und Blockchain-Fragmentierung“ legte Shin seine bisher ausführlichste Argumentation vor. Öffentliche Blockchains benötigen Validatoren, um Konsens zu halten. Mehr Dezentralisierung bedeutet höhere Belohnungen für Validatoren, die von Nutzern über Gas-Gebühren gezahlt werden. Steigen die Gebühren stark an, weichen Nutzer zu günstigeren Blockchains aus. Das führt zu Fragmentierung.
Auch Stablecoins sind direkt davon betroffen. Ein USDC-Token auf Ethereum und einer auf Solana befinden sich auf getrennten Ledgers ohne eine nativ vorhandene Verbindung. Ein Wechsel zwischen Blockchains erfordert Bridges, die Kosten, Zeitverzögerungen und ein Risiko für Hackerangriffe mit sich bringen. Das Ergebnis ist laut Shin kein einheitliches Währungsnetzwerk, sondern viele Blockchain-spezifische Silos.
Dadurch wird laut Shin das Prinzip der Einheitlichkeit von Geld verletzt. Im traditionellen Finanzsystem garantieren Zentralbanken die Umtauschbarkeit zum Nennwert zwischen Instituten. Auf dezentralen Plattformen existiert eine solche Sicherheit nicht. Shins Lösung: Ein gemeinsamer Ledger, auf dem Zentralbankgeld, Einlagen und tokenisierte Vermögenswerte auf einer einzigen programmierbaren Plattform koexistieren.
Bei der BIS konnte Shin analysieren und Empfehlungen abgeben. Die Zielgruppe waren alle Zentralbanken. Die Auswirkungen waren theoretisch.
Als Gouverneur der Bank of Korea verändert sich alles. Südkorea gibt keine Reservewährung heraus. Die USA verankern Dollar-Stablecoins durch den GENIUS Act und stellen sie so als Mittel zur Stärkung der Dollar-Dominanz dar. Für Länder mit Reservewährung stärkt die Aufnahme privater Stablecoin-Innovationen die eigene Souveränität. Für Länder ohne Reservewährung kann sie die Souveränität schwächen.
Shin kann die Verbreitung von Dollar-Stablecoins nicht verhindern – das ist ihm bewusst. In einem Treffen im Jahr 2018 mit Kim Yong-beom, damals Vizevorsitzender der Financial Services Commission und heute präsidialer Politikchef, sagte Shin, dass grenzüberschreitende Krypto-Handel und vollständige Verbote scheitern würden. Er empfahl, dass Banken – der Kanal, über den Fiat-Liquidität in die Kryptowährung fließt – der wirksamste Kontrollpunkt sind. Kim beschrieb dies in seinem Buch von 2022.
Diese Logik führt zu einem zweigleisigen Ansatz. Das Bankensystem dient als Torwächter, um die Ströme von Dollar-Stablecoins zu steuern. Gleichzeitig wird eine konkurrenzfähige heimische Alternative aufgebaut. Am 18. März startete die Bank of Korea Phase zwei ihres CBDC-Projekts „Hangang“. Dabei gibt die Zentralbank digitales Geld heraus und Geschäftsbanken verteilen Deposit-Token. Die Architektur folgt Shins Konzept eines einheitlichen Ledgers. Zusammen sollen beide Wege dafür sorgen, dass der koreanische Won relevant bleibt, auch wenn Dollar-basierte digitale Zahlungsmittel zunehmend zum Standard werden.
Hält die Theorie der Praxis stand?
Südkorea betreibt einen der größten Krypto-Märkte der Welt. Sollte Shins zweigleisiger Ansatz funktionieren, könnte er als Beispiel für alle Nicht-Dollar-Länder dienen, die unter ähnlichen Druck geraten.
Kritiker verweisen auf tatsächliche Hürden und einen alternativen Weg. Einige meinen, Südkorea solle eher private Stablecoins auf Won-Basis zulassen, statt auf eine CBDC zu setzen, die womöglich zu spät bereitsteht. Ein regulierter Won-Stablecoin könnte beim Tempo und bei der Erreichbarkeit direkt mit Dollar-Stablecoins konkurrieren, ohne dass die Bank of Korea ihre Plattform fertigstellen muss.
Ein einheitlicher Ledger bündelt zudem Risiken. Wenn eine Plattform Zentralbankgeld, Einlagen und tokenisierte Vermögenswerte vereint, könnte ein einzelner Ausfall das gesamte Finanzsystem lahmlegen. Die Widerstandsfähigkeit, die eine verteilte Infrastruktur bietet – ausgerechnet das, was Shin als Fragmentierung kritisiert – wäre dann verloren.
Auch die Steuerung bleibt ungeklärt. Projekte wie das Agora-Projekt der BIS, an dem sieben Zentralbanken und 43 Finanzinstitute beteiligt sind, zeigen, dass die Einigung über die Kontrolle der gemeinsamen Infrastruktur komplexer ist als die technische Umsetzung. Zudem ist das globale Stablecoin-Angebot bereits größer als 315 Milliarden USD. Protokolle wie Circles CCTP beheben die Fragmentierung zwischen Blockchains zunehmend auf privater Seite. Der Markt wartet nicht.
Shin hat die Theorie entwickelt, nun ist er auch für die Umsetzung verantwortlich.