Teil II – Interview mit Analyst Walter Leonhardt: Wie funktioniert ein Scam?

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IN KÜRZE
  • „Doch ist über das Internet die Kontaktaufnahme und die Abwicklung eines Scams natürlich einfacher und wesentlich effektiver geworden als es früher war.“

  • „Dann kommt die Erkenntnis, der Schock, und alles wird einem auf einen Schlag klar.“

  • „Da kauft man entweder sich einen Porsche und verlässt seine Frau oder lässt sich halt auf eine Affäre mit dem Betrüger ein, der einem das Blaue vom Himmel verspricht.“

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BeInCrypto hatte die Gelegenheit mit Walter Leonhardt zu sprechen, einem auf Onlinebetrug spezialisierten Analysten. Dabei ging es vor allem um das Thema Geldwäsche und Betrug. Zum Teil I des Interviews geht es hier entlang.



Betrug basiert auf der Unwissenheit der Investoren

Walter erklärt, dass Betrug keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, sondern wahrscheinlich so alt wie das Sprechen selbst ist:

„Doch ist über das Internet die Kontaktaufnahme und die Abwicklung eines Scams natürlich einfacher und wesentlich effektiver geworden als es früher war. Trotzdem bedarf es einem Publikum, dass unwissend und gutgläubig genug ist, um den faden Informationen der Betrüger Glauben zu schenken. Dagegen hilft viel fragen und sich selbst zu fragen, ob das Gesagte Sinn ergibt. Ist es logisch? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Aber das funktioniert nur, wenn man sich Notizen macht, (neutrale) Dritte um Rat fragt und sich bei der Investitionsentscheidung nicht unter Druck setzen lässt. Denn sobald man das Geschäft absegnet, hat man keinen Zugriff auf sein Geld, sondern ist von Willen und Tun des anderen abhängig.“



Ein Bild von BeInCrypto.com

Auf die Frage, wer die Opfer sind und warum diese darauf reinfallen, erläutert er:

„Ich habe vor einiger Zeit dazu die Ergebnisse einer intelligenten Umfrage gelesen. Darin wurde nicht gefragt „wollen sie betrogen werden?“ oder „sehen Sie sich als risikofreudigen Investor an?“ Dazu sagt sowieso jeder nein. In der Umfrage wurden den Teilnehmer seriöse Anzeigen und echte Betrugsanzeigen vorgeführt, um festzustellen, worauf Menschen mehr anspringen und warum. Dabei stellte man fest, dass viele eine ganz falsche Realitätsvorstellung bezüglich der wichtigen Frage haben, was ein realistischer return of investment ist.

Im Detail hielt mehr als die Hälfe aller 2000 Teilnehmer eine Tagesrendite von zwei Prozent für realistisch.

„Eine Rendite von 50 (wenn es schlecht läuft) bis 110 Prozent (im Normalfall) hielten 40 Prozent der Befragten für verlockend. Und für viele Personen war einfach nur wichtig, dass irgendwo im Informationsprospekt oder Vertragspapier geschrieben steht, dass das Geld mit Garantie sicher ist. Hauptsache es steht da. Deshalb muss ich es hart ausdrücken: Betrüger sind Traumfänger – sie wollen wissen was Dein Traum ist und dann versprechen sie Dir diesen. Nur liefern tun sie etwas anderes, nämlich einen Alptraum. Und das ist in Anbetracht von staatlicher Nullzinspolitik und teilweiser Negativverzinsung auf Kontoguthaben sehr seltsam.“

Du bist beim nächsten Hype dabei!

Der Hype um Bitcoin und den Krypto-Space macht es Betrügern leicht auf diesen Wundergeschichten aufzubauen. Hier haben einige wenige große Gewinne mitgenommen. Diese Erfolgsgeschichten lassen sich zu den eigenen Gunsten nutzen:

„Als Täter erzählst du deinen „Kunden“ einfach eine Geschichte, wo du solche Einzelbeispiele mit einbaust, und ihnen versprichst, dass sie beim nächsten Hype dabei sein werden. Denn nur du weißt, wie das geht und weihst sie in deine Geheimnisse ein. Deshalb immer Vorsicht, wenn der „Berater“ von „Insiderwissen“ spricht. Insiderhandel ist (mit Ausnahme bei Kunst) illegal, und wer auf dieser Basis mitmacht, wird zuerst betrogen und danach wahrscheinlich keine Anzeige erstatten, weil er Angst davor hat, dass er sich selbst strafbar gemacht hat. Schließlich wollte er ja auf Grundlage von Insiderinformationen das schnelle Geld machen.“

Die Beweislast ist erdrückend, doch nicht glaubwürdig

Walter beschreibt einen weiteren interessanten Baustein eines Scams: Den „Truth“-Effekt:

„Ein weiterer Grund, warum Betrug funktioniert, ist der „Truth“-Effekt. Ich meine der kommt aus der Psychologie, ich kenne ihn aber aus der Kommunikationswissenschaft. Dieser besagt so ungefähr, dass wenn mir mein Gesprächspartner was sagt, was ich bei meinem gesunden Halbwissen irgendwo schon mal gehört zu haben meine, erscheint mir die Aussage glaubhafter, ganz egal, ob sie richtig oder falsch ist. Mark Twain sagte dazu: It ain’t what you don’t know that gets you into trouble. It’s what you know for sure that just ain’t so.”

Ein Bild von BeInCrypto.com

Betrug basiert also größtenteils auf Emotionen. Und auch wenn die Opfer die Tatsachen erkennen, heißt es nicht, dass sie diesen Glauben schenken.

„Dann kommt die Erkenntnis, der Schock und alles wird einem auf einen Schlag klar. Und man schämt sich. Genauso läuft es beim Betrug. Man glaubt so lange bis man nicht mehr glauben kann, weil die Wahrheit so erdrückend geworden ist, dass man die Bausteine nicht mehr ausblenden kann. Und alles kracht über einem zusammen. Deswegen: wer ist betrugsanfällig? Jeder, der sich das nicht eingestehen kann und deshalb irgendwann vor den Scherben steht.

Das typische Opfer: Profiling und Strategie

Walter berichtet, dass rein statistisch 40-49-Jährige männliche Besserverdiener mit höherer Bildung beliebte Opfer sind. Das konnten wir bei unseren Untersuchungen zur Scam Gruppe UI-Group und der dazugehörigen Scam-Serie bereits feststellen.

„Da kauft man entweder sich einen Porsche und verlässt seine Frau oder lässt sich halt auf eine Affäre mit dem Betrüger ein, der einem das Blaue vom Himmel verspricht. Midlife-Crisis ist so wie jede Lebenskrise, die ein „Kunde“ zurzeit durchmacht, die perfekte Grundlage, um seinen Betrug „draufzusatteln“ – die Leute sehen das „Investment“ als Ablenkung von ihrem persönlichen Schmerz, sind dementsprechend leichtgläubiger und unaufmerksamer. Zu solchen Lebenskrisen zählen Tod eines Angehörigen, Scheidung, Trennung, Jobverlust, hohe Schulden oder ähnliches.“

Zu den häufigsten Opfern gehört die Generation ab 65 Jahre und aufwärts.

„Diese gelten als einfacher, was vor allem daran liegt, dass viele Senioren unter Einsamkeit leiden und sich freuen, wenn sie sich mit irgendjemandem unterhalten. Und auf dieser Ebene bauen Betrüger eine Beziehung mit diesen auf und überreden sie dann Stück für Stück zu für diese völlig ungeeignete Investments, die entweder hochrisikobehaftet sind oder eine Gebührenstruktur besitzen, die sämtliche Einlagen wegfrisst. Und dafür sorgen die Täter, indem sie für ihre Seniorenfreunde so lange investieren, bis es kein Geld mehr gibt. Aber auch das ist nur einer von vielen Tricks. Bei Senioren gelten übrigens diejenigen als am anfälligsten, die bereits über eigene Investmenterfahrung besitzen.“

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Als letztes erörtert Walter, warum die Betrüger so erfolgreich sind:

„Weil für diese brutto gleich netto ist. Sie müssen keine Rendite produzieren, wodurch ein Großteil ihrer Beute in die Werbung fließen kann. Echte Investmentfirmen müssen ja mit dem Geld wirtschaften und können höchstens zwei Prozent in Verkauf und Werbung stecken. Betrüger dagegen haben daher logischerweise kein Problem, 30-40 Prozent der Kundengelder für Werbung und Vertriebskosten auszugeben, weil es ja weder Rendite noch eine (volle) Auszahlung gibt.

Ein Artikel von Frans Roest und Walter Leonhardt, der in Bezug auf (Betrug mit) binären Optionen umfassend Auskunft gibt und mit Sicherheit jedem „Investor“ die Lust zum damit handeln nimmt, findest du hier.

Zum Teil I des Interviews geht es hier entlang.

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Alex hat ihren Bachelor in Orient- und Asienwissenschaften an der Friedrich-Wilhelms Universität Bonn absolviert, danach Deutsch als Fremdsprache am Goethe Institut studiert und ihren Master in Arabistik an der Freien Universität Berlin absolviert. Seit 2017 ist sie als Krypto-Journalistin tätig.

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