Der World Gold Council (WGC), die Organisation, die im Jahr 2004 den ersten in den USA gelisteten Gold-ETF mit physischer Golddeckung mit auf den Markt gebracht hat, hat am 19. März ein gemeinsames Infrastrukturkonzept vorgestellt. Dieses soll den Markt für tokenisiertes Gold vereinheitlichen, der aktuell von Tether und Paxos dominiert wird.
Die Initiative, die in einem Whitepaper gemeinsam mit der Boston Consulting Group (BCG) vorgestellt wird, führt „Gold als Service” ein. Dies ist eine offene Plattform, die die Verwahrung von physischem Gold mit digitalen Ausgabe-Systemen verbindet. Wird sie umgesetzt, kann diese Innovation einen Markt mit einem Volumen von 4,9 Milliarden USD verändern, der von Unternehmen aus der Krypto-Branche aufgebaut wurde.
Tether Gold: Früher Vorsprung reicht jetzt wohl nicht mehr
Tokenisiertes Gold ist nur durch einzelne Emittenten entstanden, die jeweils eigene Lösungen für die Verwahrung umgesetzt haben.
- Tether lagert die Reserven für Tether Gold (XAUT) in einem Tresor in der Schweiz, der früher ein Atomschutzbunker aus dem Kalten Krieg war.
- Paxos verwahrt die Reserven für PAX Gold (PAXG) in London, in Tresoren, die vom Sicherheitsunternehmen Brink’s betreut werden.
Diese Lösungen funktionieren, führen aber zu einer Zersplitterung des Marktes. Jedes Produkt hat eine eigene Verwahrung, einen eigenen Audit–Prozess und ein eigenes Einlösungsverfahren. Dadurch ist der Austausch zwischen verschiedenen Produkten eingeschränkt und der Markteintritt für neue Anbieter wird erschwert.
Die Plattform des WGC will all diese Abläufe, darunter Verwahrung, Abstimmung, Compliance und Einlösung, vereinheitlichen. Damit würde ein gemeinsames System entstehen, das jeder Emittent nutzen kann.
Wenn ein Gold-Token dem Standard des WGC folgt, signalisiert das den Investoren, dass eine geprüfte physische Deckung vorhanden ist.
Erfolgsbilanz von 163 Milliarden USD
Der WGC ist kein Neuling, wenn es darum geht, Gold zugänglich zu machen. Er war im Jahr 2004 an der Gründung von SPDR Gold Shares (GLD) beteiligt, dem ersten in den USA notierten ETF mit Golddeckung. Der Fonds hat heute eine Marktkapitalisierung von 163 Milliarden USD.
Im Vergleich dazu ist tokenisiertes Gold weiterhin klein. XAUT (2,6 Milliarden USD) und PAXG (2,2 Milliarden USD) erreichen zusammen laut CoinGecko nach fünf Jahren einen Marktwert von 4,9 Milliarden USD.
Die Lücke zwischen beiden Formaten zeigt strukturelle Hürden, die der WGC mit seiner Plattform beseitigen will.
Gold bringt aufbewahrt keine laufenden Einnahmen, anders als Bargeld und US-Treasuries, die als Deckung von Stablecoins dienen. Kosten für Tresore, Versicherung und Logistik machen jeden neuen tokenisierten Gold-Token einzeln teuer.
Der WGC ist der Ansicht, dass eine gemeinsame Infrastruktur diese Kalkulation grundlegend verändert.
Bedeutung für Tether und Paxos: Was jetzt wichtig ist
Der Vorschlag des WGC richtet sich nicht direkt gegen XAUT oder PAXG. Er sieht sich als ergänzende Infrastruktur für neue Anbieter.
Eine Standardisierung stellt jedoch automatisch die ersten Anbieter vor neue Herausforderungen, da sie Vorteile durch eigene Systeme aufgebaut haben.
Wenn viele Emittenten Gold-Token dank des Backends des WGC herausgeben können, sind die Verwahrungs-Vorteile von Tether und Paxos nicht mehr so stark geschützt.
Fortlaufende Audits, Interoperabilität zwischen Plattformen und einheitliche Einlösungsrechte, die in eine gemeinsame Infrastruktur eingebaut sind, würden für den gesamten Markt ein neues Mindestniveau setzen.
Der WGC besteht aus 29 Mitgliedsunternehmen aus der globalen Goldbergbau-Branche und versteht sich selbst als neutraler Schlichter.
Er rief „Innovatoren und Marktteilnehmer innerhalb und außerhalb der Goldbranche” dazu auf, beim Aufbau der Plattform mitzuwirken.
Ein Zeitplan oder eine genaue Roadmap zur Umsetzung wurde nicht veröffentlicht. Der Vorschlag ist bisher nur ein Konzept, über dessen Erfolg die globale Akzeptanz und Einigung in verschiedenen Rechtsräumen entscheiden wird.
BCG-Manager Matthias Tauber formuliert die Herausforderung direkt. Die Frage sei laut seiner Aussage nicht mehr, ob Gold digital wird.
„Die Frage ist nicht mehr, ob Gold digital sein wird, sondern wie es an modernen Finanzsystemen teilnehmen kann, ohne die physische Integrität zu beeinträchtigen. Gemeinsam mit dem World Gold Council haben wir untersucht, wie sich vertrauenswürdige Strukturen für digitales Gold im großen Maßstab aufbauen lassen“, heißt es in der Pressemitteilung mit Bezug auf Tauber.
Für Tether und Paxos entscheidet die Antwort darauf, ob ihr Vorsprung über fünf Jahre hinweg zu einem dauerhaften Vorteil wird oder ob ihre Systeme zum alten Standard werden.