Glosse: Nur nette Menschen in der Krypto-Industrie

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In der Kryptowirtschaft arbeiten nur nette Menschen. Radikale Freigeister und Unternehmer, die aktiv daran arbeiten, die Probleme der Menschheit zu lösen. Gut, der ein oder andere Strichjunge mag zwar dabei sein (oder sind Changpeng Zhao und Justin Sun eher aufdringliche Verkäufer, als Strichjungen?) und wir haben auch bereits genügend Exit-Scams erlebt. Aber zumindest konnte ich mir nicht vorstellen, dass allzu böse Leute in dieser menschheitsdienlichen Industrie arbeiten würden…bis jetzt.



Derzeit hält die Welt aufgrund des sich ausbreitenden Coronavirus den Atem an und Regierungen in den betroffenen Gebieten tun ihr bestes, um eine weitere Ausbreitung einzudämmen. Wie es scheint, hat der Coronavirus allerdings mittlerweile auch einige Fans.

Jake Greenbaum (@JBTheCryptoKing), der Gründer von PocketNode und der Kryptowährung ANON (mit einer Marktkapitalisierung von sagenhaften $66.000), veröffentlichte vor Kurzem eine Serie von Tweets, in denen er die kontroverse Frage aufwarf, ob es, angesichts der globalen Überbevölkerung wirklich so schlecht ist, wenn zehn Prozent der Menschheit dem Coronavirus zum Opfer fallen würden. Wie zu erwarten war, haben die meisten Twitter-User seine Haltung nicht besonders positiv aufgenommen.



In bester sozialdarwinistischer Manier beruft sich Greenbaum auf das “Überleben des Stärkeren”. Vielleicht sollte Greenbaum statt Mein Kampf lieber noch mal ein Biologie-Lehrbuch zur Hand nehmen. Darwin postulierte nämlich das Prinzip des “Survival of the Fittest”, also der am besten an die Umweltbedingungen angepassten Lebewesen, nicht das Überleben des “Stärkeren”.

Um seinem ganzen Nazi-Vokabular die Krone auzusetzen, sprach Greenbaum dann auch noch davon, dass die Erde eine “Säuberung” benötige. Bei einer solchen Ideologie fehlt bis zum Bau von Vernichtungslagern und Gaskammern tatsächlich nicht mehr viel. Das einzige, was Leute wie Greenbaum noch davon abhält, die Erde selbst zu “säubern” ist wohl, dass sie sich nicht selbst die Hände schmutzig machen wollen. Stattdessen soll offenbar das Coronavirus dies erledigen.

Noch schockierender ist die Tatsache, dass es einige Leute aus der Krypto-Community gibt, die Greenbaum auch noch zur Seite springen. Laut Greenbaum sind dies die einzigen, die noch “Eier in der Hose” haben.

Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, während ich kurz auf die Toilette verschwinde, um zu prüfen, ob meine Eier noch da sind…

Eins…zwei…drei. Alle noch vorhanden. Da das jetzt geklärt ist, glaube ich nach wie vor nicht, dass eine “Säuberung” von 10% der Weltbevölkerung durch eine globale Pandemie und der damit verbundene ökonomische Schaden irgendeinen Vorteil für die Menschheit und schon gar nicht für die Umwelt bringen kann. Aber was für “nette” Menschen mitunter in der Kryptowirtschaft arbeiten, hat mich doch einigermaßen überrascht.

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Tobias verfügt über einen Bachelorabschluss in angewandter Informatik, sowie einen Masterabschluss in Kognitionswissenschaft mit Fokus auf kognitiver Psychologie und künstlicher Intelligenz. Während seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Gent nahm er an einem Forschungsprojekt in Verbindung mit einem großen französischen Telekommunikationsanbieter teil. Hierbei erforschte er die Anwendung von Spieltheorie auf den gemeinschaftlichen Ausbau von WLAN-Netzen. Nachdem er die Universität verließ, wandte er sich dem Blockchain-Sektor zu, wo er als freier Forschungsmitarbeiter für Startup-Unternehmen arbeitet.

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