Ich hatte die Gelegenheit mit Thorsten Polleit zu sprechen. Thorsten Polleit ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa, Europas größtem Edelmetallhandelshaus. Überaus interessant ist, dass Thorsten Polleit zuvor 15 Jahre lang im internationalen Investment-Banking tätig war. Außerdem ist er seit dem Jahr 2014 Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth.

Thorsten Polleit wurde mit dem O.P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship ausgezeichnet. Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, USA, und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist selbst als Investor aktiv und berät institutionelle Investoren.

Wirtschaftsstörungen und Überschuldung

Als erstes wollte ich von ihm wissen, welche für ihn die aktuellen Problematiken sind, denen wir in Bezug auf das Geldsystem gegenüberstehen. Thorsten Polleit erklärt mir dahingehend:

Ob US-Dollar, Euro, chinesischer Renminbi, japanischer Yen, britisches Pfund oder Schweizer Franken: Sie alle sind ungedecktes Geld, das die jeweiligen Staaten monopolisiert haben. Und das ist ein Problem. Denn ungedecktes Geld leidet unter ökonomischen und ethischen Defekten. Es ist inflationär, es ist sozial ungerecht, es führt zu Wirtschaftsstörungen, es treibt die Volkswirtschaften in die Überschuldung, es lässt den Staat immer größer und mächtiger werden.

Für Thorsten Polleit leidet darunter die bürgerliche und unternehmerische Freiheit. Vor allem während der politisch diktierten Lockdown-Krise zeigten sich für ihn die volkswirtschaftlich problematischen Effekte des ungedeckten Geldes noch offener:

Die Regierungen haben einen kolossalen Produktionseinbruch und Massenarbeitslosigkeit vom Zaun gebrochen. Nun werden wie in Kriegszeiten neue Schulden gemacht und neues Geld in Umlauf gebracht, um die verursachten Schäden zu übertünchen. Vor allem geht es den Regierungen und machtvollen Sonderinteressengruppen jetzt darum, das ungedeckte Geldsystem vor dem Einsturz zu bewahren. Diesem Ziel werden zusehends alle anderen Ziele der Bevölkerung untergeordnet. Das ist zweifellos gefährlich, denn das, was von der freien Wirtschaft und Gesellschaft noch übrig ist, gerät so zusehends unter die Räder.

Über Venezuela und Argentinien

Wie sehen Sie die Chancen, dass der Bitcoin (oder eine andere Kryptowährung) das aktuelle Geldsystem verbessern könnte?

Kryptoeinheiten sind zweifelsohne für einige Anwendungen bereits zu einem akzeptierten Tauschmittel aufgestiegen. Vor allem in Ländern, deren offizielles Geld ganz besonders schlecht ist; Beispiele sind derzeit Venezuela und Argentinien. Allerdings ist die technische Leistungsfähigkeit der Kryptoeinheiten noch nicht so groß, als dass sie das offizielle ungedeckte Geld unmittelbar verdrängen könnte.

Als Beispiel führt Thorsten Polleit das Bitcoin-Netzwerk mit seinen ungefähr 360.000 Zahlungsabwicklungen pro Tag an:

Allein in Deutschland werden arbeitstäglich etwa 75 Millionen Zahlungen durchgeführt. Weitere Probleme gibt es noch in Bezug auf beispielsweise die Finalität von Zahlungen. Ich denke zudem, dass ein Geld intermediationsfähig sein muss, dass Peer-to-Peer allein nicht ausreicht, um alle Transaktionen, die in einer modernen Volkswirtschaften anfallen, abbilden zu können. Die Probleme, die vor allem der Staat dabei den Kryptogeld-Kandidaten mit Steuern und Regularien in den Weg legt, gilt es zu überwinden.

Bitcoin und die Österreichische Schule der Nationalökonomie

Bei meinen Recherchen und Interviews bin ich immer wieder auf die Verbindung von Bitcoin und der Österreichischen Schule der Nationalökonomie gestoßen. Da Thorsten Polleit Präsident des Ludwig von Mises Institute Deutschland ist, habe ich ihn gefragt, wie diese beiden Punkte zusammenpassen – oder ob sie überhaupt zusammenpassen.

Ja, sie passen sehr gut zusammen! Die Geldtheorie der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zeigt auf, dass Geld spontan aus dem freien Markt entsteht, also allein aus den freiwilligen Wertschätzungen und Handlungen der Marktakteure; einen Staat braucht es dafür nicht. Mit der Geldtheorie der „Österreicher“ wäre ein Kryptogeld durchaus vereinbar; das ist meine geldtheoretische Leseart.

Er führt aber auch an, dass die Praxis entscheidend ist und sich Bitcoin im Wettbewerb gegenüber Fiatwährungen durchsetzen kann.

Nach wie vor ist die Bereitschaft und Möglichkeit der Menschen, von den offiziellen Währungen in Kryptoeinheiten umzusteigen, begrenzt. Das liegt an technischen Faktoren – einige nannte ich bereits –, aber auch an steuerlichen Restriktionen, und natürlich auch am nach wie vor recht hohen Vertrauen, das die Menschen dem ungedeckten Geld immer noch entgegenbringen.

Finanzielle Freiheit und Überraschungen

Nun ist die finanzielle Freiheit die Grundlage für viele weitere Freiheiten. Entsprechend möchte ich wissen, wie Menschen finanzielle Freiheit erlangen können.

Erzielt man ein Einkommen, sollte man nicht alles konsumieren und das Ersparte klug investieren: in sein eigenes Unternehmen oder in Aktien von großartigen Unternehmen; keine Euro-Termin- und Spareinlagen, sondern Gold und Silber und auch ausgewählte Kryptoeinheiten als Teil der liquiden Mittel halten; und man sollte auch auf etwas Diversifikation im Portfolio achten. Übrigens: „Wahre finanzielle Freiheit“ dürfte ein luftiges Ideal sein, solange man keinen Goldesel besitzt. Selbst wenn Sie einen großen Kapitalstock angesammelt haben, müssen Sie immer noch aktiv und umsichtig wirtschaften, am volkswirtschaftlichen Leben teilnehmen, um ihn zu erhalten. Ganz „frei von allem“ wird man nicht sein können.

Was erwartet uns im nächsten Jahr möglicherweise an finanzpolitischen „Überraschungen“?

Die großen Zentralbanken der Welt haben die Geldschleusen geöffnet. Das wird die Preise für Konsum- und Vermögensbestände (Aktien, Häuser, Grundstücke etc.) in die Höhe treiben. Sprich: Die Kaufkraft von US-Dollar, Euro und Co schwindet. Meine Befürchtung ist, dass der Kampf gegen den Kollaps des ungedeckten Geldsystems und der Auswüchse, die es gebracht hat, die westliche Welt in eine Lenkungs- und Befehlswirtschaft zu überführen droht. Das Eigentum an den Produktionsmitteln bleibt formal erhalten. Doch der Staat lenkt Produktion und Verteilung zusehends nach seinem Willen durch Gesetze, Regulierungen und Vorgaben. Der Weg in eine Befehls- und Lenkungswirtschaft würde zwar den System-Crash vertagen, würde quasi zu einem Schrecken ohne Ende führen, der den Wohlstand der Menschen auf lange Zeit massiv herabsetzt.

Ein Blick in die Zukunft

Schließlich berichtet mir Thorsten Polleit noch, was seine Hoffnung für die Zukunft ist:

Meine Hoffnung ist, dass die bessere Einsicht doch noch die Oberhand gewinnt. Deshalb begrüße ich auch sehr die Ideen und Entwicklungen, die eine Privatisierung des Geldes anstreben. Und ich versuche, über das dafür erforderliche geldtheoretische Fundament zu informieren. Das staatliche Geldproduktionsmonopol zu beenden, halte ich für die zentrale Herausforderung unserer Zeit, um die freie Gesellschaft und Wirtschaft zu erhalten beziehungsweise das Verlorengegangene wiederzuerlangen.

Und an dieser Stelle kommen die Kryptowährungen ins Spiel…

Vielleicht lässt sich das durch eine „Disruption erreichen, die aus der Krypto-Welt stammt, vielleicht auch durch die Einsicht einer wachsenden Zahl von Menschen, die erkennt, dass privates Geld besser ist, als es staatliches Geld jemals sein kann. Vermutlich ist es nicht falsch, auf beiden Wegen Fortschritte erreichen zu wollen – und zwar möglichst rasch!

Danke, Thorsten Polleit!