Veronika Kütt im Interview: „Bitcoin löst ein informationstechnisches Problem.“

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IN KÜRZE
  • „Grundsätzlich ging es mir darum, klar zu machen, dass durch Bitcoin wirklich ein Problem gelöst wurde.“

  • „Wir können digitale Werte übertragen, aber wir brauchten bis zur Erfindung Bitcoins immer einen solchen Intermediär, um das Kassenbuch, den Ledger, zu updaten. Beim Bitcoin fallen Dank des dezentralen Aufbaus die Intermediäre weg.“

  • „Bezüglich der Wertdichte ist Bitcoin Gold überlegen, weil man bereits mit einer Hardware-Wallet in USB-Stick-Größe eine Milliarde transferieren könnte.“

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Das Trust Project ist ein internationales Konsortium von Nachrichtenorganisationen, die Standards für Transparenz entwickeln.

Veronika Kütt ist Bitcoin-Expertin und sprach auf der Crypto Assets Conference über „About the Value of Bitcoin“. In der Vergangenheit war sie Dozentin an der Frankfurt School of Finance & Management, unterrichtete bei der Bundeswehr und nun hat Veronika mit uns über ihre Ansichten rund um die älteste Kryptowährung gesprochen.



Das „double spending“ Problem

Veronika, worüber hast du bei der Konferenz und deinem Vortrag „About the Value of Bitcoin“ gesprochen?

Grundsätzlich ging es mir darum, klar zu machen, dass durch Bitcoin wirklich ein Problem gelöst wurde. Und zwar das „double spending“ Problem. Dabei geht es darum, dass digitale Daten bei der Übertragung nicht kopiert werden. Im Internet der Information, also unserem derzeitigen Internet, wird alles, was wir senden kopiert. Wenn ich eine E-Mail, eine PDF-Datei, ein Bild sende, habe ich nach wie vor das Original und ich übertrage nur eine Kopie der jeweiligen Datei. Das ist kein Problem, wenn es sich um Daten handelt, dessen sind wir uns bewusst. 



Veronika erklärt mir, dass das „double spending“ allerdings zum Problem wird, wenn es um die Übertragung digitaler Werte geht – diese sollten eben nicht vervielfältigt werden. 

Das „double spending“ Problem ist derzeit „gelöst“, und zwar durch zentrale Intermediäre. Also VISA, PayPal, MasterCard und Ähnliche. Wir können derzeit zwar digitale Werte übertragen, aber wir brauchten bis zur Erfindung Bitcoins immer einen solchen Intermediär, um das Kassenbuch, den Ledger, zu updaten. Beim Bitcoin fallen Dank des dezentralen Aufbaus diese Intermediäre weg.

Wie funktioniert das?

Verschiedene Module in Bitcoin machen dies möglich. Zum einen ist dies das dezentral geführte „Kassenbuch“ bzw., der Ledger. Die Daten werden nun nicht mehr von einer einzigen zentralen Partei gespeichert, sondern von tausenden Knoten im Netzwerk. Jeder kann einen solchen Knoten betreiben,  die Bitcoin-Blockchain herunterladen und somit selbst alle bisher getätigten Transaktionen nachvollziehen und neue validieren. 

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Datenintegrität: Proof-of-Work und Nodes

Veronika erklärt mir, dass es in diesem Prozess nun einen Mechanismus braucht, um die Datenintegrität aller Ledger sicherzustellen. Natürlich in Bezug darauf, dass tausende Knoten alle getätigten Transaktionen unabhängig von einer zentralen Partei speichern.

Hierbei kommt der zweite Grundbaustein von Bitcoin ins Spiel: Der Konsensmechanismus. Bei Bitcoin ist dies das sogenannte Proof-of-Work-Verfahren, wobei es darum geht einen temporären „lead“ zu finden, der den jeweils nächsten Block im Netzwerk broadcasten darf.

Weiterhin erklärt sie, dass dieser temporäre „lead“ seine Position dadurch bestimmt, dass er als Erstes ein kryptografisches Rätsel löst. Dieser Prozess wird Mining genannt. Die daran beteiligten Parteien sind „Miner“. 

Es gibt also wirklich einen Sinn hinter dem Proof-of-Work Verfahren. Es dient dazu, dass immer der nächste Block gebroadcastet wird. Dann können alle Nodes, also alle Knoten im Netzwerk diesen verifizieren und eben dann an die Blockchain anhängen. So stellen wir sicher, dass alle Nodes, die gleichen Informationen notieren.

Welchen Anreiz gibt es aber an diesem Prozess teilzunehmen und Rechenleistung zur Verfügung zu stellen?

Damit kommen wir zum dritten Grundbaustein von Bitcoin: Die ökonomischen Anreize. Für das Broadcasten eines Blocks wird ein gewisser Betrag an Bitcoin an den Miner ausgeschüttet.

Das zur Funktionsweise. Nun stellt sich die Frage, welchen Zweck dieses Netzwerk erfüllt. Über die Jahre haben sich verschiedene Narrative entwickelt, die wir nun etwas näher beleuchten wollen. Eine davon ist die Narrative von Bitcoin als digitalem (ergo privatem) Bargeld.  

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Privatsphäre und Anonymität bei Bitcoin

Wirklich privat bzw. anonym ist man bei der Nutzung von Bitcoin aber nicht, oder?

Wie erwähnt werden alle Transaktionen bei Bitcoin von tausenden Knoten gespeichert. Zwar sind die Adressen pseudonymisiert, trotz allem ist es durch diese Transparenz per Design schwierig Privatsphäre auf dem Netzwerk-Level zu erreichen. Daher würde ich Bitcoin nicht als „digital cash“, also digitales Bargeld, bezeichnen. Zusätzlich dazu muss man sehen, dass Bargeld ein instant „settlement“, also eine direkte Erfüllung der Transaktion als Eigenschaft hat. Sobald ich eine Banknote überreiche, ist die Transaktion durchgeführt. Diese Eigenschaft haben wir bei Bitcoin nicht. Grundsätzlich gibt es bei einer Bitcoin Transaktion gar keine Finalität. Nach 6 Blöcken nehmen wir so etwas wie eine Finalität an, weil es dann rechentechnisch quasi unmöglich ist, diesen Block noch zu kompromittieren.

Wenn Bitcoin kein digital cash ist, was ist es dann?

Eine weitere Narrative, die sich etabliert hat, ist die des günstigen Peer-to-Peer Zahlungsnetzwerks. Also ein äquivalent zu den zentralisierten Playern wie beispielsweise PayPal. Auch wenn wir aktuell wieder recht günstige Transaktionskosten von ein paar Cent haben, ist anzunehmen, dass die Kosten um eine Bitcoin Transaktion zu tätigen in Zukunft stark ansteigen werden.

Was könnte die Bitcoin Transaktionskosten in der Zukunft ansteigen lassen?

Hier kommen zwei Parameter ins Spiel: Zum einen ist die Blockgröße von Bitcoin auf 1 MB begrenzt. Zudem ist Bitcoin so programmiert, dass ein solcher Block im Schnitt nur alle zehn Minuten produziert wird. Mit einer Transaktionsgröße von ca. 250 Bytes kommen wir so auf ca. 2500 Transaktionen pro Block. Alle zehn Minuten. Damit kommen wir auf einen durchschnittlichen Transaktionsdurchsatz von ca. 4tx/sek. Mit steigender Popularität und einer steigenden Nutzung wird der „Platz“ in einem Block sehr begehrt und demnach teuer. Ende 2017 schossen die durchschnittlichen Transaktionskosten bei Bitcoin auf ca. 60 USD pro Transaktion. Long story short: dies würde einen teuren Kaffee geben.  

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Bitcoin: Digitales Gold

Einige Bitcoin-Experten sehen Bitcoin als eine Art digitales Gold an. Was sagst du dazu?

Digitales Gold, ja. Lass uns dafür zunächst einmal die Frage stellen, was denn Gold so wertvoll macht. Gold wird zwar als Schmuck sowie für technische Geräte genutzt. Ich glaube allerdings, dass dies nicht die primären Eigenschaften sind, weshalb Gold ein so hoher Wert beigemessen wird. Die wichtigste Eigenschaft von Gold sehe ich der Rarität des Rohstoffes. Selbst wenn wir wollten, können wir die Menge an Gold, die in Umlauf ist, nicht beliebig erhöhen. Dies macht Bitcoin „dilution-resistant“, also resistent gegenüber Inflation. Bitcoin kann nicht einfach durch schnelle Erzeugung weiterer Bitcoins verwässert werden.

Veronika erklärt, dass ein weiterer Vorteil die hohe Wertdichte ist. Entsprechend lässt sich bereits in kleinen Mengen Gold eine große Menge an Wert speichern.

Gold hat zudem auch ein extrem hohes „trust level“, weil es seit tausenden von Jahren existiert und eine große Anzahl von Menschen auf diesem Planeten Gold einen Wert beimessen.

Aber Gold kann noch einiges mehr, wie Veronika berichtet:

Dazu kommt die „durability“, also die Haltbarkeit. Gold kann ich nicht verbrennen, ich kann es nicht kaputt machen und selbst wenn ich es verliere, findet es wahrscheinlich jemand anderes. Dazu kommt, dass Gold schwierig zu fälschen ist.

Und wie schneidet Bitcoin ab, wenn wir diese Eigenschaften auf BTC anwenden?

Betrachten wir zuerst einmal die Rarität von Bitcoin. Wie vorhin beschrieben werden mit jedem Block, der erzeugt wird, eine festgelegte Menge an Bitcoins, derzeit 6.25BTC, an den Miner ausgeschüttet. Ein Block wird, wie beschrieben, etwa alle zehn Minuten erzeugt und der ausgeschüttete Betrag pro Block halbiert sich im Schnitt alle vier Jahre. Damit haben wir eine absolut klare Geldpolitik durch Bitcoin – es ist jetzt schon klar, wie viele Bitcoins im Jahr 2071 verfügbar sein werden. Dies ist ein enormer Vorteil gegenüber Fiat-Währungen, bei denen wir uns eben nicht sicher sein können, wie viel im Umlauf sein wird in Zukunft.

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Wertdichte und Vertrauenswürdigkeit: Bei BTC gegeben?

Bezogen auf die Wertdichte ist Bitcoin Gold sogar überlegen, da ich mit wenigen Bytes einen beliebigen Wert transferieren kann. 

Was den „trust level”, also die Vertrauenswürdigkeit anbelangt steht Bitcoin Gold in einigem nach. Bislang kennen (noch) verhältnismäßig wenige Menschen Bitcoin und das Vertrauen in Bitcoin als Wertspeicher ist gering. Jedenfalls in der allgemeinen Bevölkerung. In der Krypto-Szene sieht dies schon anders aus: Hier wird Bitcoin als Reservewährung von den Unternehmen gehalten und gilt als „Fels in der Brandung” verglichen mit den tausenden Crypto-Assets, die gehandelt werden. 

Veronika erklärt, dass bezogen auf die Haltbarkeit zwei Seiten betrachtet werden müssen:

Bitcoins selbst sind quasi unzerstörbar, weil auf tausenden Rechnern gespeichert. Allerdings passiert es häufig, dass private keys, mit denen man Transaktionen auslösen kann, verloren werden. Derzeit wird angenommen, dass rund 3 Millionen Bitcoins nie wieder bewegt werden können. 

Ferner kommt auch der Bereich der Fälschung hinzu. Ein Faktor, bei dem Bitcoin einige Vorteile mit sich bringt:

Durch den dezentral geführten Ledger ist es quasi unmöglich Bitcoin Transaktionen zu kompromittieren oder Bitcoins zu fälschen. In der Historie von Bitcoin, die mittlerweile zwölf Jahre zurückreicht, gelang eine Fälschung bislang nicht. Das Netzwerk ist seit Betrieb ungehackt. 

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Gold vs. Bitcoin: Stock-to-Flow

Und im Bereich der Stock-to-Flow Ratio dürfte sich die begrenzte Menge von BTC auch gut machen, oder?

Hier beziehen wir uns oftmals auf das sogenannte Stock-to-Flow Ratio (S2F). Dieses drückt aus, wie viele Jahre es dauern würde den aktuellen Bestand zu verdoppeln. Gold hat eine relativ hohe Stock-to-Flow Ratio von 62. Es würde also 62 Jahre dauern den aktuellen Bestand noch einmal zu minen.

Wie steht es um das S2F Ratio von Gold und Bitcoin?

Das S2F Ratio von Bitcoin liegt derzeit ähnlich hoch wie bei Gold. Es hat einen Wert von Das heißt, würden die nächsten 56 Jahre weiterhin 6.25BTC pro Block ausgeschüttet werden, hätten wir im Jahr 2076 exakt die doppelte Menge an Bitcoin, die derzeit im Umlauf ist.

Veronika erläutert, dass diese Berechnung auf der Annahme beruht, dass die Ausschüttung von Bitcoins an Miner konstant bleibt.

Diese halbiert sich allerdings alle vier Jahre. Entsprechend ist die Stock-to-Flow Ratio von Bitcoin eigentlich unendlich, weil wir die bestehende Menge von derzeit rund 18,5 Millionen Bitcoin niemals replizieren werden.

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Bitcoin: Auf dem Weg zur finanziellen Souveränität

Was begeistert dich persönlich an Bitcoin?

Persönlich finde ich es am spannendsten, dass ich erstmals die Möglichkeit habe, meine digitalen Werte selbst zu verwalten. Indem ich meinen private keys bzw den hierarchisch höher gestellten sogenannten mnemonic seed selbst verwalte, gibt es keine Möglichkeit für eine externe Partei, die damit verbundenen digitalen Werte zu konfiszieren bzw Transaktionen zu zensieren. Mit dieser Eigenschaft kommt natürlich auch eine sehr hohe Verantwortung einher. Verliere ich meine keys, verliere ich auch den Zugriff auf meine digitalen Assets. Lerne ich allerdings mit dieser Verantwortung umzugehen und eigne ich mir das nötige technische Wissen dazu an, eröffnet sich mir die Möglickeit der „finanziellen Souveränität“ im digitalen Zeitalter. Dies klingt banal. Aber dieses Konzept ist sehr mächtig.

Vielen Dank, Veronika!

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Alex hat ihren Bachelor in Orient- und Asienwissenschaften an der Friedrich-Wilhelms Universität Bonn absolviert, danach Deutsch als Fremdsprache am Goethe Institut studiert und ihren Master in Arabistik an der Freien Universität Berlin absolviert. Seit 2017 ist sie als Krypto-Journalistin tätig.

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