Die Ölpreise befinden sich aktuell in demselben Chart-Muster, das vor zwei Wochen einen Rückgang von 13% auslöste. Allerdings haben sich die Bedingungen im Optionsmarkt sowie ein sich verstärkender Angebotsschock geändert. Daher entscheiden jetzt andere Variablen, ob der Kurs erneut fällt oder nicht.
Brent-Öl wird am 27. April mit 101,39 USD gehandelt, das entspricht einem Anstieg von 2,28% am Tag. Der Wert liegt damit knapp unter dem Hoch von 107,46 USD, das am 23. April abgelehnt wurde. Das Chart-Muster, das im April den Kursrückgang ausgelöst hat, tritt erneut auf. Die Begleitumstände sind jedoch anders.
Bärische Divergenz ähnelt der Konstellation, die Brent-Öl im April um 13% sinken ließ
Seit dem 9. März bewegt sich Brent-Öl in einem fallenden Kanal, das ist ein bärisches Muster. Innerhalb dieses Kanals ist jetzt das gleiche Chart-Muster zu sehen, das dem Kursrückgang im April vorausging.
Zwischen dem 29. Januar und dem 23. April zeigte Brent ein höheres Zwischenhoch im Kurs, während der Relative Strength Index (RSI) ein niedrigeres Zwischenhoch bildete. Das ist eine klassische bärische Divergenz, bei der die Kursstärke das zugrundeliegende Momentum übertrifft. Solche Muster deuten oft auf eine Trendumkehr hin.
Das Beispiel aus der Vergangenheit ist nicht beruhigend. Die gleiche Divergenz gab es bereits zwischen dem 29. Januar und dem 16. April. Brent drehte danach nach unten und fiel um mehr als 13% auf ein lokales Tief bei 86,09 USD.
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Das Chart-Muster, das wir heute sehen, ist dem damaligen Verlauf nahezu identisch. Es gibt wieder denselben Kanal, das gleiche nachlassende Momentum und eine ähnliche Zurückweisung an der oberen Begrenzung. Sollte das Szenario erneut eintreten, könnte der Ölpreis wieder in Richtung der unteren Kanalbegrenzung bei etwa 81,72 USD fallen.
Goldman, Lagerabbau und eine abstürzende Put-Call-Ratio zeigen ein anderes Bild als das Chart
Das Chart spricht für eine Richtung, der Optionsmarkt aber für eine andere. Der United States Brent Oil Fund (BNO), ein in den USA gelisteter ETF, der die Kursentwicklung von Brent abbildet, gibt einen klaren Einblick, wie sich Options-Trader aktuell positionieren.
Am 16. April, als die letzte bärische Divergenz auftrat, lag die Volumen-Put-Call-Ratio von BNO, ein Maß für bärische gegenüber bullischen Handelsinteressen an diesem Tag, bei 0,18. Die Open Interest Put-Call-Ratio, welche bestehende Positionen misst, lag bei 0,25.
Brent fiel daraufhin um 13%.
Bis zum 23. April, als die jüngste Divergenz sichtbar wurde, hatte sich das Bild gedreht. Die Volumen-Put-Call-Ratio fiel auf 0,05 und die Open Interest Put-Call-Ratio sank auf 0,16. Das bedeutet, Short-Positionen wurden reduziert und die Nachfrage nach Calls stieg deutlich an.
Die implizite Volatilität (IV), also die Markterwartung künftiger Kursschwankungen, liegt bei 80,41%. Die IV-Perzentile steht bei 88%. Dies signalisiert, dass die Trader mit einer massiven Kursbewegung rechnen.
Die Situation auf der Angebotsseite erklärt die bullische Positionierung. Goldman Sachs hat am Montag seine Prognose für Brent im vierten Quartal 2026 von 80 auf 90 USD pro Barrel angehoben. Goldman nennt als Gründe Produktionsausfälle am Persischen Golf von 14,5 Millionen Barrel pro Tag und globale Lagerabbauten von 11 bis 12 Millionen Barrel täglich.
Das ist der strukturelle Grund, warum trotz der Warnsignale aus dem Chart der Ölpreis weiterhin Unterstützung findet.
Kritische Marken: 99,17 USD als Signal, 107,46 USD als Wendezone
Die Entscheidung fällt bei 99,17 USD, dem 20-Tage-Exponentiellen-Gleitenden-Durchschnitt (EMA). Der EMA ist eine Trendlinie, die den Kurs mit stärkerem Gewicht auf die letzten Kerzen mittelt.
Am 13. April, als der Ölpreis den 20-Tage-EMA verlor, beschleunigte sich der Einbruch von 13% innerhalb weniger Sessions. Aktuell liegt diese Linie knapp unter dem aktuellen Kurs.
Ein Tagesschluss über 101,40 USD, dem 0,236 Fibonacci-Level, lässt den bullischen Weg offen und könnte wieder Richtung 107,46 USD führen. Ein klarer Ausbruch über 107,46 USD bestätigt das Angebotsschock-Narrativ und eröffnet Potenzial bis zur oberen Kanalbegrenzung bei 119,11 USD.
Ein Rückfall unter 99,17 USD wäre dagegen ein erneutes Verkaufssignal wie am 13. April.
Danach liegt das Ziel bei 97,64 USD am 0,382 Fibonacci-Level, mit 94,60 USD am 0,5 Fibonacci-Level als nächster Test. Die entscheidende Zone befindet sich bei 91,56 USD am 0,618 Fibonacci-Level. Dies ist die stärkste Unterstützung im Tageschart.
Ein Fall unter 91,56 USD öffnet den Weg zu 87,23 USD und dann zu 81,72 USD, dem unteren Rand des Kanals. Damit würde sich das Szenario aus dem April wiederholen.
Im Moment trennt 99,17 USD eine bärische Wiederholung von einer supply-shock-getriebenen Rallye.





